Manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die selbst Jahrzehnte später noch wie ein Märchen klingen. Am 19. März 1986 erlebte die Grotenburg-Kampfbahn in Krefeld eine dieser legendären Partien, die als „Wunder von der Grotenburg“ in die Sportgeschichte eingingen. Bayer 05 Uerdingen (heute KFC Uerdingen) spielte im Europapokal der Pokalsieger eine deutsch-deutschen Begegnung gegen Dynamo Dresden.
Ein Spiel im Schatten der Teilung
Das Duell stand schon im Vorfeld unter besonderen Vorzeichen. Denn Deutschland teilte seit 1961 die Mauer. Spiele zwischen Mannschaften aus der Bundesrepublik und der „DDR“ sorgten auf beiden Seiten für eine gewisse Nervosität. Gleichwohl hatten diese Bruderduelle auch einen besonderen Reiz.
Denn der Fußball war in diesen Fällen mehr als nur Sport: Er war Stellvertreter für Politik, Prestige und Systemvergleich. Das zeigte sich 1974, als die „DDR“ ausgerechnet bei einer Weltmeisterschaft, die dazu noch in der Bundesrepublik stattfand, in Hamburg die Mannschaft des DFB mit 1:0 besiegte. Es war das einzige Spiel beider Nationalmannschaften.
Ein Albtraum in Halbzeit eins
Im Hinspiel in Dresden erlebten die Westdeutschen eine Lehrstunde. Vor 30.000 Zuschauern im Rudolf-Harbig-Stadion verlor Uerdingen klar mit 0:2. Damit schien das Viertelfinale für Dynamo so gut wie entschieden. Das Rückspiel in Krefeld begann nicht besser. Denn nach 45 Minuten stand es 1:3 aus Sicht der Gastgeber.
Mit dem Hinspielergebnis im Rücken führte Dresden also 5:1. Viele der 22.000 Zuschauer in der Grotenburg-Kampfbahn dürften sich da bereits mit dem Ausscheiden abgefunden haben. Uerdingen wirkte geschlagen, Dresden wirkte souverän. Doch was dann geschah, ist bis heute kaum zu fassen.
Die unglaubliche Wende
Denn innerhalb von 45 Minuten verwandelte sich Resignation in ein Feuerwerk. Uerdingen spielte sich in einen Rausch, angetrieben vom Glauben an das Unmögliche und getragen von der Euphorie auf den Rängen. Tor um Tor fielen, Dresden zerfiel regelrecht. Am Ende stand ein unfassbares 7:3 und genug, um mit einem Gesamtergebnis von 7:5 ins Halbfinale einzuziehen.
Dieses Spiel zeigte, dass selbst scheinbar aussichtslose Situationen im Sport gekippt werden können. Denn Leidenschaft ist manchmal stärker als jede taktische Vorgabe.
Für Uerdingen bedeutete der Sieg den größten internationalen Erfolg der Vereinsgeschichte. Für den deutschen Fußball blieb es ein Beleg dafür, dass das Runde tatsächlich alles möglich machen kann. Das „Wunder von der Grotenburg“ lebt bis heute als Sinnbild für Aufholjagden weiter – und als Moment, in dem Sport die Grenzen der Politik für 90 Minuten überschritt.

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