Als die „DDR“ den späteren Weltmeister bezwang

Es war das wohl politisch aufgeladenste Spiel der WM-Geschichte. Am 22. Juni 1974 trafen bei der Weltmeisterschaft in Hamburg erstmals überhaupt die Bundesrepublik Deutschland und die „DDR“ aufeinander. Beide Mannschaften hatten sich bereits für die Zwischenrunde qualifiziert, doch das Prestigeduell elektrisierte beide Seiten der Mauer, die Deutschland damals teilte.

Die Rollen schienen klar verteilt.

Die Bundesrepublik war amtierender Europameister, spielte im eigenen Land und verfügte mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Paul Breitner, Wolfgang Overath sowie Torhüter Sepp Maier über einige der besten Fußballer der Welt. Die Auswahl der „DDR“ nahm dagegen zum ersten und einzigen Mal an einer Weltmeisterschaft teil. Kaum jemand rechnete damit, dass sie den großen Favoriten ernsthaft gefährden könnte.

Lange entwickelte sich eine zähe Partie, in der die bundesdeutsche Mannschaft zwar mehr vom Spiel hatte, sich aber kaum klare Torchancen erarbeitete. Dann kam die 77. Minute. Erich Hamann flankte in den Strafraum, Jürgen Sparwasser nahm den Ball geschickt mit dem Kopf mit, setzte sich gegen mehrere Verteidiger durch und schoss aus kurzer Distanz unter die Latte. Sepp Maier war chancenlos.

Das Volksparkstadion verstummte als die „DDR“ 1:0 führte.

Sparwassers anschließender Purzelbaum wurde zu einem der berühmtesten Bilder der deutschen Sportgeschichte. Es blieb der einzige Treffer des Spiels. Der Außenseiter hatte den großen Favoriten bezwungen. Die Niederlage wirkte auf die bundesdeutsche Mannschaft wie ein Weckruf. In der Sportschule Malente kam es anschließend zur legendären „Nacht von Malente“.

Ohne Trainer Helmut Schön analysierten die Spieler schonungslos ihre Leistungen. Franz Beckenbauer übernahm endgültig die Führungsrolle innerhalb der Mannschaft. Rückblickend erwies sich die Niederlage sogar als glückliche Fügung: Denn als Gruppenzweiter traf die Bundesrepublik in der Zwischenrunde nicht auf Brasilien, die Niederlande und Argentinien.

Stattdessen spielte sie in der vergleichsweise günstigeren Gruppe mit Schweden, Polen und Jugoslawien. Am Ende gewann die DFB-Elf durch das 2:1 gegen die Niederlande ihren zweiten Weltmeistertitel.

Jürgen Sparwasser flüchtete 1988 in den Westen

Für die politische Führung der „DDR“ war der Sieg in Hamburg ein propagandistischer Triumph. Sie feierte das Ergebnis als Beweis für die Überlegenheit des sozialistischen Systems und schlachtete es entsprechend aus. Jürgen Sparwasser wurde zum Nationalhelden stilisiert, wobei dem Fußballer diese Rolle nie besonders behagte.

Im Januar 1988 durfte der WM-Held, der nach dem Ende seiner aktiven Karriere als Co-Trainer beim 1. FC Magdeburg arbeitete, mit einer Traditionsmannschaft (einer Auswahl von ehemaligen DDR-Stars) zu einem Hallenturnier nach Saarbrücken in die Bundesrepublik reisen. Solche Reisen in den Westen waren streng reglementiert und wurden von der Staatssicherheit (Stasi) scharf überwacht.

Sparwasser setzte sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Christa, die ebenfalls die Erlaubnis für eine Westreise (offiziell zu einem Verwandtenbesuch) erhalten hatte, ab und kehrte nicht mehr in die „DDR“ zurück. In der Presse des Arbeiter- und Bauern-Staats wurde die Flucht des einstigen Helden komplett totgeschwiegen. Für Ost-Berlin war es blamabel, dass der Mann, der dem „Klassenfeind“ die schmerzhafteste Niederlage beigebracht hatte, floh.

Auch die Spieler der „DDR“ lebten für den Fußball

Angesichts der politischen Bedeutung des Spiel bei der WM 1974 gerät oft in Vergessenheit, dass die Auswahl der „DDR“ keineswegs aus Fußball-Amateuren bestand. Viele ihrer Spieler gehörten zu den besten des Ostblocks. Bereits 1972 gewann die Olympiaauswahl der „DDR“ in München die Bronzemedaille, 1976 folgte in Montreal sogar Olympiagold.

Dennoch blieb der 1:0-Erfolg gegen den späteren Weltmeister der mit Abstand größte Moment in der Geschichte des „DDR“-Fußballs und eines der denkwürdigsten Spiele, die jemals bei einer Weltmeisterschaft ausgetragen wurden.