Die Saison 1993/94 war für Rot-Weiß Essen eine Spielzeit voller Gegensätze. Sportlich erlebte der Traditionsverein von der Hafenstraße eine bittere Enttäuschung, denn am Ende der Zweitliga-Saison stand der Abstieg in die Drittklassigkeit. Gleichzeitig schrieben die Essener im DFB-Pokal jedoch ein Stück Fußballgeschichte.
Rot-Weiss Essen erlebte seine größte Zeit in den 1950er-Jahren. 1953 gewann der Verein aus dem Ruhrgebiet den DFB-Pokal. Zwei Jahre später folgte die bisher einzige Meisterschaft, als RWE in Hannover im Finale den 1. FC Kaiserlautern mit 4:3 besiegte. Anschließend verpassten die Essener jedoch die Qualifikation für die Bundesliga deutlich, stiegen aber später 1966, 1969 und 1973 dreimal in die Bundesliga auf.
Mit dem Bundesliga-Abstieg 1977 begann der Niedergang!
Denn schon 1984 ging es weiter abwärts, RWE spielte zwei Jahre lang nur noch in der Amateur-Oberliga Nordrhein. Auch nach dem Wiederaufstieg 1986 konnte sich der ehemalige Meister nicht mehr dauerhaft in der 2. Bundesliga etablieren. 1991 stieg Essen erneut aus der Zweiten ab, wobei diesmal allerdings der sofortige Wiederaufstieg folgte. Allerdings konnte Rot-Weiss Essen 1993/94 in der Zweiten Liga nach einer guten Hinrunde, die RWE auf Platz elf beendete, am Ende nicht richtig Fuss fassen.
Ganz anders als im DFB-Pokal, wo RWE eine Bühne fand, auf der plötzlich alles gelang. In der ersten Runde hatte Essen ein Freilos – anders als beispielsweise der Bundesligist MSV Duisburg. Auch das Los in der 2. Hauptrunde meinte es gut mit dem Zweitligisten. Denn Essen reiste nach Bocholt und setzte sich beim dortigen 1. FC Bocholt aus der drittklassigen Oberliga Nordrhein mit 3:2 durch. Ja, der 1. FC Bocholt stand vor drei Jahrzehnten tatsächlich mal an der Schwelle zum Profifussball.
RWE machte im Pokal einfach weiter!
In der dritten Hauptrunde setzte sich Rot-Weiss Essen 3:2 nach Verlängerung zu Hause gegen einen damals in der 2. Liga spielenden Hamburger Stadtteilverein durch. Sorry für diese Umschreibung, aber der Namen dieses Konstrukts, das damals ein vermögender Architekt aushielt, während sich die Fussballfirma ein linksautonomes Image gab, wird in diesem Blog niemals zu lesen sein. Denn in Hamburg sagen wir: „Nur der HSV!“ – aber zurück zu Rot-Weiss Essen und der Pokal-Saison 1993/94.
Mit dem MSV Duisburg erhielt RWE Ende Oktober 1993 im Achtelfinale einen Gegner aus der Bundesliga. Und zur Überraschung (fast) aller kämpfte sich das Team von Trainer Jürgen Röber mit 4:2 in die nächste Runde. Langsam begriffen die Fans der Essener, dass hier etwas Großes reifte. Denn anschließend ging es zum FC Carl Zeiss Jena, damals wie RWE in der 2. Bundesliga zu Hause. Beide trennten damals in der Liga mickrige drei Punkte. Das kündigte ein Duell auf Augenhöhe an.
Mit dem Pokalerfolg wurde in der 2. Bundesliga schwierig!
Und tatsächlich war es ein enges Spiel, das nach 120 Minuten immer noch 0:0 stand. Daher musste ein Elfmeterschießen darüber entscheiden, wer in das für den März geplante Halbfinale einzieht. Rot-Weiss Essen gewann 6:5, kämpfte sich damit eine Runde weiter. In der 2. Bundesliga lief es weniger gut. Deshalb musste Jürgen Röber Anfang Dezember 1993 gegen. Wolfgang Frank übernahm den Traditionsverein aus dem Ruhrgebiet. Doch auch unter Frank setzte sich der Abwärtstrend fort.
Unmittelbar vor dem Pokal-Halbfinale gegen Tennis Borussia Berlin, damals ebenfalls ein Zweitligist, rutschte RWE erstmals seit dem sechsten Spieltag auf einen Abstiegsrank. Im anderen Halbfinale standen sich die Bundesligisten Dynamo Dresden und Werder Bremen gegenüber. Damit war klar, dass ein Zweitligist das Finale in Berlin erreichen wird. Welcher, das entschied sich im Spiel zwischen dem 17. (RWE mit 19:25 Punkten) und den Schlusslicht TeBe (mit 10:34 Punkten).
RWE gewann zur Hause 2:0 und zog ins Pokalfinale ein
Dieser Tabellenstand machte die Essener zum Favoriten – auch wenn der letzte Sieg der Essener in der Liga (2:0 bei Hansa Rostock am 31.10.1993 – damit stand RWE in der Liga noch auf Platz fünf) fast so lange wie der Pokalerfolg in Jena (27.10.1993) zurücklag. Und tatsächlich, das Halbfinale war mit 2:0 tatsächlich eine klare Sache für die Essener – die Hafenstraße bebte, und der RWE stand völlig überraschend im Endspiel von Berlin.
Das Finale im Olympiastadion war dann die Kür. Gegen den haushohen Favoriten Werder Bremen hielten die Essener lange leidenschaftlich dagegen, mussten sich aber schließlich mit 1:3 geschlagen geben. Dennoch: Der Auftritt vor den großen Kulisse von 76.391 Zuschauern und die Euphorie, die den Verein und seine Anhänger durch den Wettbewerb getragen hatte, machten die Niederlage erträglicher.
Auf das Finale furioso folgte die Tristesse
Der Kontrast konnte größer kaum sein. Während RWE im Pokal deutschlandweit Schlagzeilen schrieb, stand am Ende der Liga die bittere Realität des Abstiegs. Denn Rot-Weiss Essen blieben nach dem Pokalfinale noch sechs Ligaspiele, um die Klasse zu halten. Doch aus diesen Spielen holte RWE nur noch drei Punkte durch einen Sieg gegen Rostock und ein Unentschieden gegen den 1. FSV Mainz 05. Doch mal verlor zu Hause mit 0:5 gegen den FC Carl Zeiss Jena, der damit Revanche für das Aus im Pokal nahm.
Auch TeBe Berlin sollte sich rächen. Denn am 36. Spieltag gewannen die Berliner in Essen mit 6:4 und besiegelten den Abstieg von RWE. Denn nach diesem Spiel trennte RWE bereits fünf Punkte vom rettenden Ufer. Bei zwei Spielen, die Rot-Weiss Essen noch verblieben, war das nicht mehr aufzuholen. Nach diesem Abstieg sollte RWE nie länger als eine Saison in die Zweite Liga zurückkehren. Zwischenzeitlich ging es sogar bis in die fünfte Spielklasse hinab. Das Pokalfinale von 1994 blieb daher ein seltenes Glanzlicht in bewegten Jahrzehnten.